Bevor das Jahr sich neigt

Noch einmal die Lärche ehren

Egal, ob es stürmt oder schneit, ob es regnet oder der Nebel die Sicht begrenzt, es ist vor allem ein Baum, der sich seine Heiterkeit nicht nehmen lässt: die Lärche (Larix decidua). Sie gedeiht vor allem dort, wo das Land sich zu Hügeln und Bergen erhebt und stellt an den Boden keine großen Ansprüche. Natürlich ist ihr eine durchlässige und humusreiche Erde am liebsten. Sie schafft es aber auch an anderen unwirtlicheren Orten, die Wurzeln tief in den Untergrund zu treiben und mit ihrem festen Halt so manchem Sturm zu trotzen. Wenn nun im Spätherbst die Wolken und der häufigere Nebel der Sonne Platz machen, dann ist es fast so, als hätte jemand die Bäume vergoldet. Intensiv leuchtet das warme Gelb der Lärchennadeln, die noch lange auf den Bäumen bleiben, bis der Schnee und der Raureif im Winter ihnen den Garaus machen. Ja, die Lärche ist ein heiterer Baum. In Gesellschaft mit anderen Holzgewächsen bemüht sie sich, über diese hinauszuwachsen. Sie ist auch der einzige Baum, der im Winter das gesamte Nadelkleid fallen lässt, damit es im Frühjahr erneut in äußerst zartem Grün wiederum dem Auge und dem Herzen einen Grund zur Freude bietet. Für mich ist die Lärche eine geistige Hilfe zur Gelassenheit. Das Alte, das ich nicht mehr ändern kann, darf ruhig hinter mir bleiben. Es ist die Zukunft, in der die Möglichkeit zum Beschenkt-Werden inkludiert ist. Vielleicht ist es gar der gegenwärtige rechte Augenblick, in dem ich feststellen darf, dass Gott für mich sorgt. Diese Erkenntnis ringt selbst in der Not meinem Mund ein Lächeln ab.

Register des Herbstes:

Die verschiedenen Stimmen einer Orgel nennen wir Register, die der Spieler je nach Bedarf zieht. In diesem Sinne lässt der Herbst vor allem die Lärche, den Baum des Jahrs 2012, vor den Vorhang treten und zur Stimme kommen. Suchen wir also gerade jetzt die Lärchen auf. Verhärtete Menschen erfahren in ihrer Nähe Lockerung ihres Gemütes. Gestaute Energien werden frei und können sich in positive und bejahende Kräfte verwandeln.

Lärchenzweig

Das Leben hat seine Zeit

Nicht nur die Steckdose benötigt die Erdung

Mit dem leiblichen Tod ist das so eine Sache. Gerne besuchen wir zwar zu Allerheiligen die Gräber unserer lieben Verblichenen, doch den Tag darauf, also Allerseelen, halten wir uns nicht mehr frei. Es wäre vielleicht zu viel des Guten, um sich wirklich ernsthaft mit dem eigenen Sterben auseinander zu setzen. So möchte ich heute unsere menschlichen Urahnen Adam und Eva ins Blickfeld rücken. Im Bild sehen wir einen Ausschnitt aus dem zeitlich gesehen letzten barocken Deckenfresko Mitteleuropas (1805), das sich in meiner klösterlichen Bibliothek in Geras befindet. Der Maler Josef Winterhalder lässt hier die ersten Menschen nach einem Leben in Fülle Ausschau halten, nachdem sie sich eben dieses durch den Sündenfall verwirkt hatten. Ja, nicht wir sind es, die das Leben erhalten können, sondern der Schöpfer, der es uns allen aus seiner Güte heraus überantwortet hat. Wir erheben uns im Laufe der Sorge um unsere Existenz meiner Meinung nach nur allzu leicht über die Erde, aus der wir alle geschaffen wurden. In der lateinischen Sprache lautet das Wort für demütig „humilis“. Da steckt wiederum das Wort Humus drinnen, also der Begriff für eine gute und fruchtbare Erde. Nehmen wir als leibliche und geistige Übung wieder einmal Kontakt auf zum Boden, auf dem wir alle stehen.

Mit bloßen Händen:

Um das Gefühl für die Erde wieder zu gewinnen, ist es angebracht, ohne Handschuhe und ohne Schutz im wahrsten Sinn des Wortes das Fundament des Wachstums der Pflanze zu begreifen. Die letzte herbstliche Gartentätigkeit oder das Herrichten eines Grabes geben uns Gelegenheit dafür. Wer seine Existenz recht bedenkt, wird ein Stück weit dankbarer und setzt sich furchtloser mit dem eigenen Tod auseinander. Denn die ganze Erde liegt in Gottes barmherziger Hand.

Adam und Eva Fresko Stift Geras